Das Assessment Center für den Job als Reiseleitung

Das Assessment Center für den Job als Reiseleitung

So lief mein AC beim größten Reiseveranstalter Deutschlands ab

Ich habe fast 10 Jahre als Reiseleitung für einen Reiseveranstalter in 8 verschiedenen Destinationen gearbeitet und bereue nicht eine Minute davon. Natürlich gibt es Länder in denen man sich wohler gefühlt hat als in anderen und Saisonen die nicht so toll waren wie die davor. Was ich euch aber versprechen kann ist, dass man fast immer genau in den Ländern die Zeit seines Lebens hat, in denen man eigentlich überhaupt nicht arbeiten wollte.

Aber von Anfang an. Wie bewerbe ich mich am besten? Am Einfachsten geht Ihr auf die Jobseite der diversen Reiseveranstalter und informiert euch wie und wohin ihr eure Bewerbungsunterlagen schicken sollt. Meist muss man sich durch diverse online Formulare mit vielen Fragen kämpfen und/oder ein Motivationsschreiben und seinen Lebenslauf hochladen.

Ich habe mich damals bei den drei größten Reiseveranstaltern beworben und wurde von Zweien innerhalb einer Woche zum Assessment Center eingeladen. Ein Reiseveranstalter hat ohne Begründung abgesagt. Meine Vermutung ist, dass es an der Frage nach meinen Wunschdestinationen lag, die ich mit Asien oder anderen Fernstrecken beantwortet habe.

Den wichtigsten Tipp den ich euch für eure Bewerbung und das AC geben kann: Zeigt euch so flexibel wie möglich! Jeder der sich nur auf eine bestimmte Destination festlegt oder gewisse Ziele ablehnt, hat keine guten Chancen. Als Reiseleiter unterschreibt Ihr einen weltweiten Einsatzvertrag und erklärt euch somit bereit, weltweit zu arbeiten. Wenn ihr also z.B.: nur in Griechenland arbeiten wollt oder unbedingt auf den Malediven eingesetzt werden wollt – bewerbt euch besser bei der Incoming-Agentur vor Ort mit welcher der Reiseveranstalter zusammen arbeitet, nicht beim Veranstalter direkt. Bei den Agenturen vor Ort sind die Gehälter allerdings wesentlich niedriger als mit einem deutschen oder schweizer Arbeitsvertrag, die Wohnung muss selber bezahlt werden und es gibt keine Spesen. Ihr bekommt einen kleinen Grundlohn, könnt aber mit dem Verkauf von Ausflügen gut Provision verdienen.

Nun aber erstmal zum Bewerbungsprozess. So lief mein AC ab:

Der Tag des AC war gekommen und ich startete um 06:00 Uhr damit ich sicher kurz vor 10:00 Uhr pünktlich im Hotel in München war, in dem das AC stattfinden sollte. Mein «Glück» sorgte dafür, dass ich trotz einer Fahrstrecke von 2 Stunden erst um 10:10 Uhr beim Veranstaltungsort eintrudelte – dank Stau, nicht vorhandenem Navi und null Orientierungssinn. Innerlich hatte ich schon mit einer Einstellzusage abgeschlossen und war der Verzweiflung nahe, nachdem ich die kritischen Blicke der – nennen wir Sie mal «Prüfer»  – sah. Total verschwitzt und mit einem starren Lächeln im Gesicht setzte ich mich in den Kreis zu den anderen 19 Bewerbern und tröstete mich damit, dass dieser Tag zumindest schon einmal eine gute Vorbereitung für mein zweites AC sein würde. Den so wichtigen ersten Eindruck hatte ich ja schon mal versemmelt. Die Bewerber saßen an 7 Tischen in U-Form angereiht und die meisten von ihnen blickten genauso nervös drein wie ich mich fühlte. Die 4 «Prüfer» waren Leute aus der Personalabteilung, eine erfahrene Reiseleitung die schon seit vielen Jahren bei der Firma ist und ein «Trainer», der sich um die Ausbildung und Weiterbildung der Reiseleiter kümmert. Anfangs stellte der Trainer anhand eines kurzen Films und einer PowerPoint die Firma vor. Ich versuchte dabei so gut wie möglich aufzupassen, obwohl ich noch fix und fertig war wegen meines Zuspätkommens. Gut, dass ich mich schon ein paar Tage vor dem AC etwas in die Philosophie und die Geschichte der Firma eingelesen habe. Kann ja nicht schaden!

Danach waren wir an der Reihe. Alle 20 Bewerber mussten sich Aufreihen und zwar der Zeitspanne nach, die sie bereits im fremdsprachigen Ausland verbracht hatten. Mit dabei waren: ein Studiensemester in den USA, ein Jahr in Australien, mehrere Saisonen auf dem Kreuzfahrtschiff als Gästebetreuung…und ich mit 2 Monaten als Au-Pair in Italien, die ich abgebrochen hatte, da meine Au-Pair Kinder kleine Monster aus der Hölle waren.

Als wir nun gereiht da standen, durften wir uns nach einander kurz vorstellen. Name, Alter, welches unser liebstes Urlaubsland ist und wie wir uns den Job als Reiseleiter vorstellen. Letzteres mussten wir in einer von uns gewählten Fremdsprachen vortragen. Da ich nicht schlecht italienisch spreche aber mein englisch doch etwas besser war, habe ich mich wie die meisten Bewerber für Englisch entschieden. Einige Bewerber mussten auch noch eine weitere Frage in der zweiten Fremdsprache beantworten, welche Sie in der Bewerbung bei ihren Sprachkenntnissen angegeben haben. Oje, da gab es ein paar peinliche Momente nachdem einige Bewerber zugeben mussten, dass Sie Ihre fünf Wörter Spanisch aus dem letzten Malle-Urlaub haben oder gerade einen italienisch-Grundkurs besucht haben. Deshalb: Ehrlich währt am Längsten!

Danach wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt. Mit der Einladung zum AC haben wir die Aufgabe bekommen, die Präsentation eines Ausflugs unserer Wahl vorzubereiten und vorzustellen. Dafür hatten wir 2 Minuten Zeit. Da ich davon ausgegangen bin, dass die anderen Bewerber sich für Ausflugsziele in den klassischen Urlaubsdestinationen entscheiden und ich kreativ sein wollte, habe ich mich für die Blumeninsel Mainau am Bodensee entschieden. Zu Hause hatte ich bereits einige schöne Bilder aus dem Internet bunt ausgedruckt und schön laminiert. Ich dachte mir das zeigt Einsatz! Höllisch nervös stellte ich den Prüfern also mein Ausflugsziel vor und versuchte dabei so locker und selbstbewusst wie möglich zu wirken.

Nachdem ich meinen Ausflug vorgetragen habe und mich erleichtert schon wieder setzten wollte, nahm einer der «Prüfer» seine Armbanduhr ab, gab sie mir und sagte: «Verkaufen Sie mir diese Uhr». Na toll! Ich wusste, ich kann relativ sicher vor einer Gruppe sprechen und ich liebe es von fremden Ländern zu erzählen…aber eine Uhr verkaufen? Ich erinnere mich nicht mehr genau was ich gesagt habe, nur noch, dass ich irgendwie funktioniert habe und mich mit rotem Kopf an meinen Platz zurücksetzte. Gruselig.

Als alle Ihre Ausflugsziele vorgestellt haben, gab es erstmal Mittagessen und Getränke am Stehtisch. Ich hatte das Gefühl, dass wir auch dort unter Beobachtung standen und somit stellte ich mich an den Tisch mit den anderen und versuchte mich so gut wie möglich an dem Gespräch zu beteiligen, um zu zeigen, dass ich gesellig bin und keine Scheu vor fremden Leuten habe J

Nach der Pause wurden die Gruppen getauscht und wir wurden in einen Raum mit Stuhlkreis geladen. Hier wurden diverse Szenarien durchgespielt, die uns als Reiseleiter erwarten können. Der «Trainer» spielte einen meist reklamierenden Gast und die Bewerber mussten bestmöglich auf ihn reagieren. Mein Rollenspiel lief wie Folgt ab: 

«Trainer»: heult dramatisch

«Ich»: Herr Weber, geht es Ihnen nicht gut?

«Trainer»: Willi ist tot.

«Ich»: Oh, das tu mir sehr leid. (habe keine Ahnung wer Willi ist)

«Trainer»: ich will sofort nach Hause fliegen.

«Ich»: war Willi ein Freund von Ihnen oder ein Verwandter?

«Trainer»: Willi ist tot! Er ist…war mein Kanarienvogel.

«Ich»: Oh, herzliches Beileid Herr Weber. Stand er Ihnen sehr nahe?

«Trainer»: Ja, Willi war mein bester Freund. Ich muss sofort nach Hause um ihn zu beerdigen.

«Ich»: Herr Weber, ich verstehe Ihren Schmerz (…blabla irgendwas über meine verstorbene Katze…)

Aber wissen Sie, Willi ist jetzt an einem besseren Ort. Und ich bin mir sicher Willi würde wollen, dass Sie Ihren lang ersehnten Urlaub genießen.

«Trainer»: Ja, meinen Sie?

«Ich»: Ja, da bin ich mir ganz sicher. Er wusste bestimmt wie sehr sie sich auf Ihren Urlaub gefreut haben.

«Trainer»: Ja, das stimmt. Aber ich würde trotzdem gerne nach Hause fliegen.

«Ich»: Herr Weber, was halten Sie davon: Sie gehen auf Ihr Zimmer und legen sich ein bisschen hin. Ich schicke Ihnen den Zimmerservice mit einem heißen Tee hoch. Und dann schlafen Sie doch noch am besten eine Nacht drüber. Wenn Sie morgen immer noch nach Hause fliegen wollen, dann schaue ich gerne nach einem früheren Heimflug für Sie.

«Trainer»: Ja, ist gut. Können Sie später nochmal nach mir sehen.*zwinkert*

«Ich»: Na klar.

«Trainer»: Zimmer 253.

«Ich» *grinse* bis später

Alle lachen. So skurril diese Situation war – es geht dabei nicht unbedingt darum was man sagt, sondern darum wie man mit einem Gast in Not umgeht. Dabei ist es wichtig einen kühlen Kopf zu bewahren und Ihn ernst zu nehmen, egal wie lächerlich euch seine Reklamation oder sein «Notfall» vorkommt.

Nachdem die anderen Bewerber auch Ihre schwierigen Situationen gemeistert haben, wurde jeder noch zum Einzelinterview mit zwei Prüfern geladen. Fragen an die ich mich erinnere waren: «Wie gehen Sie mit Stress um», «sind Sie eher Service,- oder Verkaufsorientiert», «wo würden Sie gerne eingesetzt werden», «gibt es Länder in denen Sie nicht arbeiten wollen und falls ja, warum».

Nach dem letzten Interview war der Prozess zu Ende und wir wurden entlassen. Das AC startete um 10:00 Uhr morgens und ging bis 17:00 Uhr. Während dieser Zeit wurden wir auf Herz und Nieren geprüft und ich war komplett erledigt. Trotz meiner Verspätung am Morgen hatte ich nun doch noch etwas Hoffnung auf eine Einstellzusage, da der Rest des Tages gefühlsmässig doch recht gut verlaufen war.

Und ich wurde nicht enttäuscht! 1 Woche später erhielt ich per E-Mail meinen Arbeitsvertrag zugesendet mit der Einladung zur Reiseleiter-Schulung in die Türkei. Ich konnte es kaum fassen und bin erstmal fast vom Stuhl gefallen. Ich hatte es geschafft!!! Und wie dieses E-Mail mein Leben und mich verändert hat, lässt sich kaum beschreiben. Dazu aber bald mehr.

Zum Schluss möchte ich euch noch dies auf den Weg zum AC geben: Seit pünktlich („5 Minuten vor der Zeit ist des Reiseleiters Pünktlichkeit“), zeigt euch komplett flexibel was eure Destination angeht, seit interessiert, uneingeschränkt offen gegenüber allen Ländern, Religionen und Kulturen und gebt euch so selbstbewusst und sicher wie möglich.


Noch ein paar Infos zum Schluss:

Wann bewerben? Die meisten AC’s finden Ende des Jahres statt. Die beste Zeit ist somit im August/September/Oktober.

Ist auch ein „normales“ Bewerbungsgespräch möglich? Ja, einige Kollegen haben sich erst im Januar, Februar beworben und wurden zu einem normalen Bewerbungsgespräch eingeladen.

Habt Ihr noch Fragen zum AC beim Reiseveranstalter? Schreibt es mir als Kommentar.

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